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Perspektive

27. Aug.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Nun ist es wirklich so, ich bin 36 Jahre jung und gehöre offiziell zu den Alten. Ich geh steil Richtung vierzig, bin aber bei 21 stehen geblieben und gleichzeitig öfters wie eine Oma.


Am 7.8.90 bin ich geboren, seit zwölf Jahren Mama, seit zehn Jahren zweifache Mama, habe seit zwölf Jahren keinen Papa mehr und seit genau vier Jahren keine Mama mehr. Ich habs geschafft in den gestalterischen Vorkurs und in der Fachklasse für Grafik in Biel zu kommen, habe meine absolute Traumausbildung aber dann nach fast vier Jahren abgebrochen, weil ich schwanger wurde und das nicht vereinbar war. Ich bin nun bald drei Jahre mit meinem Lieblingsmenschen (neben meinen Kindern) zusammen und kanns immernoch kaum glauben wie wunderbar, intensiv und befreiend eine Liebe sein kann. Ich habe einmal geheiratet und mich einmal scheiden lassen. Ich durfte zwei Mal gebären und einmal jemanden in den Tod begleiten. Ich habe vier Geschwister und eine Halbschwester, die fast 30 Jahre älter ist. Mein Grossvater hat nach dem 2. Weltkrieg zwei Menschen getötet, eine davon war seine Frau und der andere ihr neuer Mann. Er kam dann einige Jahre ins Gefängnis. Wenn ich meine Mama fragte, warum denn nur einige Jahre. Meinte sie säufzend "Tja, ein Kriegsheld halt." Meine Mutter war sein 10. Kind, dass er mit seiner zweiten Frau bekam, die mein Grosmueti war. Meine Mama war 20 als sie meinen Vater kennenlernte, der damals 41 war. Er war also 21 Jahre älter als meine Mama. Er ist 1937 geboren und in Berlin und Hannover im Krieg und den Nachkriegszeiten aufgewachsen.


Ich habe bis jetzt 18 Blogs geschrieben. Vor genau 18 Jahren bin ich zu Hause ausgezogen und seit ich geboren bin 24 Mal umgezogen. In meinen Notizbüchern sind inzwischen drei unveröffentlichte Buchprojekte. Und ich versuche seit über neun Jahren Yogaleggins zu designen.


Ein paar Zahlen, die mehr oder weniger zusammenhängen.


Manche Zahlen tun mir innerlich weh und manche mag ich.


Manchmal wenn ich mein Leben anschaue, wenn ich alles Revu passieren lasse, fühle ich mich wie eine verdammte Versagerin. Ich habe es nicht geschafft mit meiner Jugendliebe zusammenzubleiben, unsere kleine Familieneinheit ist entzweit und ich suche stetig nach der Art und Weise, wie meine Kleinen doch eine Einheit spüren und aufgehoben aufwachsen. Jedes mal, wenn ich einen alten Glaubenssatz ablege, der mich in meinem schlechten Gewissen entlastet, mit der Scheidung unsere Familie zerstört zu haben, finde ich neue tieferliegende. Ich habe keine abgeschlossene Ausbildung. Ich fühle mich bis heute dadurch wie ein Mensch, ohne Credibility, ohne das sagenumwobende Papierli, das uns in unseren lange angelernten Verständnis zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft macht, zu einer die fähg ist, zu einer die belegt arbeiten kann. Ja eben, sage ich doch, so viele Schichten von Glaubenssätzen, die ich absetzen möchte, weil sie nicht zu mir gehören. Ich habe mit dem Mutter werden so viel Selbstwert verloren. Ich bin nicht für mich eingestanden und manchmal auch nicht für meine Kinder. Ich habe Situationen mitgetragen, die ich kaum ertragen konnte. Ich war so oft schwach, fremdbestimmt und unauthentisch. Ich ging mit so viel Leichtsinn durchs Leben, obwohl ich so tiefsinnig bin. Ich frage mich, wie viel ich einfach geschehen habe lassen (also nicht die Morde meines Grossvaters). Ich frage mich warum ich auch heute so viele Glaubenssätze, die mir und meinen liebsten Kindern schaden, nicht ablegen kann. Ich frage mich wie lange ich den Scheiss, den ich schon längst nicht mehr mit mir rumtragen will, noch rumtragen werde. Ich frage mich wann ich endlich zu der Frau werde, die ich sein will oder die ich bestimmt bin zu sein.


Und manchmal, wenn ich das alles anschaue, habe ich Schmetterlinge im Bauch. Denn ich sehe die Entwicklung, die Erfolge, so klein und unscheinbar sie auch sein mögen. Ich sehe eine Frau, die ich mag. Ich sehe eine Frau, Mutter, Schwester, Freundin und Gefährtin, die immer alles gibt, aus tiefstem Herzen. Ich bin gespannt was noch alles kommen mag und habe Vertrauen, dass sie es meistern wird. Und ich sehe zwei Kinder, die selbstbestimmt, eigensinnig, leidenschaftlich, lustig und inspirierend sind. Dann kann ich als Mama ja wohl keine total Niederlage sein.


Auch wenn der Absatz mit dem Hoffnungsvollen, Positiven um einiges kürzer ist, ich gewichte das was gut ist, nicht das was schlecht ist. So viel habe ich den ersten Wochen als 36 Jährige bereits gelernt.


Mit dem fehlen meiner Mutter, fehlte mir viel mehr als ich es mir vorzustellen gewagt hätte. Und gleichzeitig realisiere ich seit ihrem Tod auch, was ich alles selbst in die Hand nehmen möchte, wie ich mich selbst lieben, respektieren und schützen möchte. Ihr Gehen, war für mich genauso Geschenk, wie Bürde.


Gerade sagte eine liebe Freundin, die mich schon lange zutiefst inspiriert "Ich versteh nicht, warum wir als Familien nicht zusammen kommen und gehen können." Ihre Aussage berührte mich, weil sie so voller, tiefer Liebe ist. Sie fragte mich wie das für mich war, beide Eltern zu verlieren. Ich habe sie verloren, nicht zu früh, aber ich hätte sie gerne noch länger an meiner Seite gesehen.


Mit dem Verlust, gewinnen wir auch immer etwas. Durch Leiden, fühlen wir die Freude. Das Licht, bedingt die Dunkelheit. Ohne Yin, kein Yang und so weiter, ihr wisst schon:)


Ich erklärte ihr, dass der Moment in dem ich meine Mama in den Tod begleiten durfte, gleichzeitig der schlimmste und auch wertvollste Moment in meinem Leben war. Die Dankbarkeit für diesen Moment, kommt der Dankbarkeit für die Geburten meiner Kinder gleich.


Ich glaube fest daran, dass jetzt und auch wenn wir irgendwann sterben, nicht unser Geld, unsere Titel und unser Besitz wichtig ist, sondern all die Erfahrungen die wir machen durften. Und eben nicht nur die guten, sondern die Mannigfaltigkeit des Erfahrenen.


Der Wertschatz des Lebens ist das Leben selbst in all seiner Farbigkeit.


In so fern kann ich bereits jetzt von einer Erfolgsgeschichte schreiben. Ich fühle mich reich beschenkt mit schönen, sinnlichen, tiefen, schwierigen und schmerzhaften Erfahrungen.


Also, alles eine Frage der Perspektive meine Lieben.




 
 
 

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